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Josef Rank

Auszug

Ueberhaupt muß sich unsere neue Bauernromantik für die Schilderung nicht nur der böhmischen Dörfer, sondern auch der deutschen zweierlei gesagt sein lassen. Erstens muß jede Münze, sie mag noch so reinen Metalles sein, einen kleinen Zusatz von Kupfer haben. Ganz ohne die Stadt kann Einem auch das Land zu ländlich werden. Schon des Lichtes und Schattens wegen darf eine kleine Zuthat von dem fashionablen Roman nicht verschmäht werden. Das Elsaß ohne etwas Straßburg, der Schwarzwald ohne etwas Stuttgart, der Böhmerwald ohne etwas Prag und Wien wird uns immer ermüden. Rank hat in dem „Wiener-Netterl“ eine Figur angelegt, deren Abenteuer uns mehr unterhalten hätten, als seine vier unausstehlichen Brüder, die den ganzen Tag weinen, sich die Haare ausraufen, vor Verzweiflung sich selber wund schlagen, durch die Wälder irren und uns überall, wo wir sie fest zu haben glauben, wieder wie Schatten entschlüpfen. Nicht ganz Pumpernickel, Ihr Herren, nicht ganz! Verachtet die alte würdige Comtesse auf dem Schlosse nicht, vergeßt nicht ihren Schooßhund, vergeßt nicht den alten Baron und die junge Baronesse, laßt zuweilen auch einen Besuch auf dem Schlosse ankommen, vergeßt den Amtmann nicht und nicht den würdigen Pfarrherrn! Nicht lauter Pumpernickel! Bedenkt, unser Magen ist von den Süßigkeiten des fashionablen Romans ohnehin so schwach, so verdorben: alle diese Bonbons, diese Baisers, diese Tutti Fruttis haben uns den Rest gegeben, und nun plötzlich diese ewige Schoppenwirthschaft, diese Handkäse und der schwere Pumpernickel! Mit Maß, in kleineren Portionen, mehr ein Gemisch von Stadt und Land, das wird sich leichter verdauen lassen.

Die zweite Fürsorge, die den Dorfnovellisten zu empfehlen ist, muß die sein, daß man sich nicht einbildet, jeder deutsche Landstrich eigne sich zu poetischem Anbau. Unser Volkstemperament ist ungleich vertheilt, da feurig, dort schlummerköpfig, hier sinnig, dort oberflächlich. In Hamburg sah ich ein Kindermädchen allein mit dem ihr anvertrauten Kinde; sie sprach nicht mit ihm, sang nicht mit ihm, tanzte nicht mit ihm; stier und starr sah sie zum Fenster hinaus und machte das Kind dumm. Sing doch Eins, kannst du nicht singen? - Nein. - Nun, wie im Stadttheater brauchst du nicht zu singen, sing ein Kinderlied, kannst doch eins? - Nein. - Wie, kein Kinderlied, vom Reiter, vom Pferdchen, vom Tanz, nichts kannst du singen? - Nein. Und so blieb sie wie ein Stock und vegetirte nur im Essen, Trinken und Schlafen. Man nehme dagegen ein Hessenmädchen aus der Wetterau, eine Rheingäuerin, ein Mädchen aus, vor, hinter und um Aschaffenburg und Michelstadt: wie lustig das, wie heiter, wie liederreich, wie ist das frisch und geistreich in seiner Art, wie voll Schelmenlieder und Volkserzählungen und possenhafter Reime, über die man lachen muß! Das Territorium, welches Rank beschreibt, scheint reich an Liedern zu sein, ihm scheint aber energischer Charakter zu fehlen, Mannheit, Kraft. Diese Breite seiner Darstellung scheint aus dem Stoffe zu kommen. Weichlichkeit und Gedankenlosigkeit der Gemüther scheint ein Erbfehler seiner Stammgenossen zu sein. Duida, duida, und dabei bleibt’s. Im Jodler die eine Note mal hoch und dann mal tief, mal der Baß die erste Stimme, mal der Sopran; die Melodie bleibt dieselbe, der Rhythmus derselbe. In Schwaben hat man nicht die „Schnaderhüpferln“, die Jodler, die Flieserle, aber man hat eine große Mannigfaltigkeit anderer Melodieen, die von einander abweichen und schon dadurch auf eine reiche Fülle von Volksanschauungen schließen lassen. Bei Rank: