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Das Feuilleton

Auszug

* Ein junger liebenswürdiger Schriftsteller, der nur vielleicht zu viel und in einem zu stürmischen Stile schreibt, Karl Emil Franzos, macht in einer Vorrede, die derselbe zu einem freundlichgefälligen Büchlein von Groß „Kleine Münze“ (Breslau, bei Schottländer) geschrieben hat, einen Anlauf zu einer förmlichen Metaphysik des Feuilletons. Thesis und Antithesis, ein Denkprozeß folgt nach dem andern, wobei der Verfasser freilich zuweilen über sich selbst den Kopf schüttelt, dann aber doch wieder frisch von vorn im Philosophiren anfängt, vorwärts geht in seinem Bestreben, in dem Begriff „Unter dem Strich“ etwas Symbolisches, Bedeutungsvolles, ästhetisch Neues zu finden, und richtig! am Ende seines wie mit verbundenen Augen auf Eiern tanzenden Aufsatzes ist der Verfasser bei dem Satze angelangt: Rudolf Gottschall muß in seiner „Poetik“ ein neues Kapitel eröffnen: „Das Feuilleton als neue Dichtungsgattung.“ Ja, was nicht alles heutzutage aus den Federn der jungen Autoren fließt! Und in gewissem Betracht hat der im Ueberschwänglichen leider zu heimische, ich glaube siebenbürgische Autor wirklich Recht. Er ist der Wahrheit wenigstens nahe gekommen. Denn ein richtiger Feuilletonist ist in der That, wenn er dem Begriff entspricht, ceteris imparibus , eine Art Dichter. Aber doch nur à peu près . Das Warum? und Woher? und so mancherlei Nebenumstände, vor Allem den Ursprung des Feuilletons hat Franzos gar nicht richtig dargestellt. Erstens ist keineswegs Heinrich Heine der erste deutsche Feuilletonist. Und sollte er es gewesen seyn, so sind wahrhaftig Heine’s „Reisebilder“, diese Sammlung von guten und schlechten Einfällen, keine Feuilletons! Für Kapitel, die darin vorkommen und aus lauter Gedankenstrichen bestehen, würden sich die Abonnenten unserer Zeitungen bedanken. Eher noch hätten die „Französischen Zustände“ die ersten Feuilletons genannt werden können. Sie erschienen in der „Allgemeinen Zeitung“ als Korrespondenzartikel, waren jedoch von der Zensur, von der Redaktion des Doktor Kolb so außerordentlich zerstückelt, daß Alles, was zum Feuilleton gehört, die leichte Bewegung, die Freiheit, die ungehemmte Tendenz in diesen von Louis Philippe bezahlten Artikeln fehlte, ebenso wie jedes Ausströmen einer Fülle von Stoff und Mittheilungslust auch in jenen Reisebildern! Einfall reiht sich mühsam an Einfall, oft ohne jeden Zusammenhang. Der Autor modelt, „knaupelt“, möchte man sagen, an jeder Wendung. Wie kann man da die schwungreiche, kühne, unerschrockene Sprache des Redners „Unter dem Strich“ finden wollen, die Franzos verlangt! Es ist wieder einmal ein reiner Bildungslapsus unserer jüngern Literatur! Alles soll von H. Heine kommen, und man war dabei angemuthet, wie z. B. von der halbwahnwitzigen Begeisterung für den verstorbenen Georg Büchner, welche derselbe junge Autor in bester Absicht vor einigen Jahren in der „Neuen Freien Presse“ in Wien zur Schau trug. Ich kenne die Geschichte des Feuilletons in Deutschland genau. Ich habe sie von Anfang an erlebt, Ludwig Börne hatte weit mehr die Tendenz, das französische Feuilleton bei uns einzuführen, als Heine. Der eigentliche Vertreter des damals vergötterten Jules Janin war aber August Lewald. Kein deutsches Journal hatte Gelegenheit, ein „Unterm Strich“ anzulegen. Der einzige Nürnberger Korrespondent und mit der Zeit die Kölnische Zeitung boten Terrain für die Pflege dieser schriftstellerischen Neuerung. August Lewald eroberte das erstere. Er war eben aus Paris und allerdings aus Heine’s nächstem Umgang gekommen. Leider fehlte dem Onkel unserer Fanny Stahr der Esprit für die Nachahmung eines Jules Janin, eines Sainte Beuve, eines Philarète Chasles. Er kam über Wanderbriefe aus dem bayerischen Gebirg, der Jachenau und aus München und Tirol nicht hinaus. Ab und zu wurde ein in München fertig gewordenes Bild besprochen. Die Kölnische Zeitung, mit mehr Raum versehen, ging dann etwas weiter. Da waren Karl Andree und Brüggemann vom neuen Geist der Zeitungen ergriffen. Die Rubrik „Unterm Strich“, die in Nürnberg althergebracht war, wurde stereotyp, und mancher nicht zu schwerfällige Artikel tauchte darin auf. Neun Monate lang lieferte ich sogar selbst wöchentlich einen Artikel in leichter Feuilletonmanier. Aber wie lange hat Das gedauert, bis sich die Eigenthümer von Zeitungen entschlossen, das Quartformat, in welchem sie erschienen, in ein Folioformat zu verändern! Noch jezt können sich ja die angesehensten Blätter, z. B. die „Tante Voß“, nicht entschließen, die Rubrik „Unterm Strich“ einzuführen. Und Manche haben eigentlich Recht. Denn ein langweiliges Feuilleton ist unerträglich. In Wien gab es große Zeitungen, die im Feuilleton alte Beschreibungen aus Geschichtswerken, den Tag von Canossa u. Dgl. erzählten oder beschrieben, wer Bürger oder wer Voß war. Reiseberichte aus Gegenden, die Niemand kennt oder kennen mochte, bedeckten die Spalten der neuerschienenen großen Blätter. Die französischen Journale erschienen schon seit Jahren in Großfolio. Sie hatten von je Raum für ein „Unter dem Strich.“ August Lewald, wie derselbe einmal geartet war, faßte das Feuilleton nur äußerlich, nur auf den Gewinn, das Vermeiden der schlechtzahlenden belletristischen Journale, die damals erschienen. Was ein Feuilleton von Sainte Beuve, von Jules Janin wirklich à peu près poetisch machte, darüber fehlte ihm jede Empfindung. Diese berühmten Soirées du Lundi , diese Wochenberichte Janin’s über die Novitäten der Theater waren immer wie aus einem Gusse geschrieben. Es herrschte darin von Anfang bis zu Ende die gleiche Stimmung. So wie der Autor anhub, so endete er. In derselben Tonart wie ein richtiges Musikstück. Anfang, Höhepunkt, allmähliches oder plözliches Ende. Erhaben oder witzig, das Ganze entweder ein Epigramm oder ein Dithyrambus. Und Das nicht nur über ein Buch oder eine Theatervorstellung, sondern auch über eine in Palermo erlebte Volksszene, über eine Audienz bei einem afrikanischen Häuptling. Die in Geschmackssachen so außerordentlich gewandte französische Nation hatte sogleich das Feuilletongenre als ein eigenes Genre weg. Jede Breite wurde vermieden. Selbst im vorigen Jahrhundert würde man in Frankreich nicht, wie Lessing, verfahren seyn, der in seiner „Hamburger Dramaturgie“ ein „Stück“, eine Nummer nach der andern wie mit der Papierscheere getrennt folgen läßt. Mit „Nicht nur“ schließt Stück 4, mit „Sondern auch“ beginnt Stück 5. An den Totaleindruck einer Einzelnummer seiner Wochenschrift wurde nicht gedacht. Alphonse Karr, Stendhal machten die Feuilletonmanier nach, bis dann freilich Eugen Sue, Soulie und Andere sozusagen durch den Roman das Feuilleton todtschlugen. Das Erscheinen eines Blattes in Langformat zu Nürnberg ließ meinem Freunde Lewald keine Ruhe. Der Nürnberger Korrespondent mit seinem Unterstübchen lag ihm, als wir in München 1833 zusammenlebten, beständig im Kopfe. Wir machten zusammen mit Künstlern keinen Ausflug nach dem Starnberger See oder nach Murnau und Partenkirchen, daß nicht darüber die Welt über Nürnberg in einem „Münchener Briefe“ die Kunde erfuhr. Kunstausstellung, König Ludwig’s Bauten, die Ateliers der Künstler, das Theater mit seiner kaleidoskopischen Chronik gaben Stoff zu Mittheilungen, die sich immer bestrebten, soviel als möglich „feuilletonistisch“ auszufallen. Das, lieber Herr Franzos, ist der erste Anfang des deutschen Feuilletons! Dann kommen Hackländer, Dingelstedt, die Lewald in seiner „Europa“, einer mit großem Erfolge begründeten, dem Ideal der Franzosen nahe kommenden „Revue“, auftreten ließ. In einem ältern Bruder des bekannten Abgeordneten Justizraths Braun (Wiesbaden) J. F. Braun fand er ein Talent, das wirklich verstand, über Alles und Jedes allerliebst zu schreiben. Leider wurde der junge hoffnungsvolle Mann in einem Duell erschossen. Karl Andree hat in die Kölnische Zeitung den „Leitartikel“ und das sozusagen bewußte Feuilleton eingeführt. Im Untergeschoß folgten Aufsätze von H. Düntzer, Karl Simrock, Gustav Pfarrius. Feuilletons im Sinne unseres Franzos waren es nicht. Der Ruhm, diese Blüthe der Literatur getrieben zu haben, gebührt dem Nürnberger Anfang und später den noch 1848 wie die Pilze aufschießenden Wiener Zeitungen. Berlin blieb und bleibt sogar noch heute bei seiner alten spießbürgerlichen Gewohnheit. Die Eigenthümer der Zeitungen haben die größte Besorgniß, im Format auch nur das Allergeringste zu ändern. Der Berliner Bürger ist ein Pedant, gewöhnt an seine Regel. Der in bemitleidenswerther Weise vom Schauplaz verschwundene, aber noch, glaube ich, lebende Ernst Kossak war ein geborner Feuilletonist. Er griff alles leicht und anmuthig auf und besaß soviel Poesie, um das Poetische zu verstehen, nichts in roher Weise über’s Knie zu brechen, er war ein sinniger Schriftsteller. Tiefer und philosophischer war in Wien Hieronymus Lorm, der Schwager Auerbach’s, der wohl der geistvollste Vertreter des Begriffs: Was ist ein richtiges Feuilleton? genannt werden darf. Dieser eigenthümliche Kopf wirft irgend ein Paradoxon wie eine bunte Seifenblase in der Einleitung seiner Aufsätze und wie eine Aufgabe hin, bringt sie auf die Höhe einer zeitgemäßen Beziehung und schließt mit einer praktischen Nuzanwendung, einer treffenden Paränese. Das ist der richtige Gang des Feuilletons. Dabei muß es sozusagen um seiner selbstwillen da seyn. Es darf nicht verrathen, daß es aus Animosität, aus Sucht zur Polemik entstanden ist. Es ist die Causerie eines geistreichen Kopfes, eines guten Herzens, das in einem Blatte Das sagt, was es unter andern Umständen in einer Dessertlaune beim Rauchen einer Zigarre vorbringen würde. Wenn die Bonhommie, das Wohlwollen fehlt, so ist kein richtiger Feuilletonist vorhanden. An den Ansichten, die man ausspricht, muß man nicht zu sehr interessirt erscheinen. Natürlich gehört zum Feuilletonisten, wie derselbe seyn soll, eine völlig sichere Stellung seiner Feder in dem Journal, für welches er schreibt. Leider ist diese in deutschen Verhältnissen ebenso selten, wie der Gehalt gering, der hier die gewöhnliche Bezahlung nach Linien und Buchstaben gänzlich ausschließen sollte! Gottschall’s Poetik ist allerdings anzurufen, wenn auch das Feuilleton zur oratio pedestris gehört. Dichterisch ist an ihm: Es soll immer wie im gleichen Schwunge gehalten seyn. Den Leser soll es durch das in ihm geweckte Gefühl, in der Idee ein Ganzes zu haben, ergreifen. Es soll den Gegenstand, den es behandelt, ebenso dem Verstande und Gemüth zugänglich machen. Diese Weise der Darstellung muß so bestrickend seyn, das man die Unterbrechung derselben (und wenn auch mit Gelehrsamkeit) nur mit dem größten Unbehagen von Seiten der Leser empfinden würde. Vor allem gehört zu einem richtigen Adepten eines solchen Feuilletons, wie es unserm jungen Gewährs- mann vorschwebt, eine gewisse Gentilezza der Gesinnung, an der es leider bei den rechthaberischen Richtungen in unsrer Literatur nur zu sehr gebricht.